Wie Bilz-Brause und Sinalco gegen Coca-Cola um Deutschlands Limonaden-Herzen kämpften
Kirsten HentschelWie Bilz-Brause und Sinalco gegen Coca-Cola um Deutschlands Limonaden-Herzen kämpften
Ein jahrhundertealter deutscher Limonadenstreit erlebt ein leises Comeback.Bilz-Seele BioLimo, die Bio-Wiederauferstehung der einstigen Kultbrause Bilz-Brause, wirbt heute als "Marty McFly der Limonaden". Gleichzeitig kehrt Sinalco – einst ein weltweiter Hit – mit über zwanzig Geschmackssorten zurück, doch die historischen Verstrickungen des Unternehmens in die NS-Zeit werfen noch immer Schatten.
Die Wurzeln beider Marken reichen bis in die frühen 1900er-Jahre zurück, als alkoholfreie Brausen erstmals als sprudelnde Alternative zu Spirituosen in Mode kamen. Doch ihre Geschichten sind auch geprägt von Krieg, erbitterten Unternehmensfehden und sogar einer musikalischen Bühnenadaption.
Alles begann mit Franz Hartmann, einem deutschen Erfinder, der aus Orangenschalen und Zitronen ein konzentriertes Aroma destillierte – ein Liter reichte für 60 Liter Limonade. Ursprünglich Dynamin genannt, taufte er das Produkt 1903 in Sinalco um – eine Abkürzung für sine alcohole, lateinisch für "ohne Alkohol". Schon 1905 entwickelte sich die Brause zum globalen Erfolg.
Zur gleichen Zeit brachte der Naturheilkundler Eduard Bilz eine weitere Sprudellimonade auf den Markt: Bilz-Brause. Hartmann produzierte sie, während Bilz an jedem verkauften Flasche verdiente. Die Partnerschaft florierte – bis billiger Dampfschnaps den Markt überschwemmte und soziale Verwerfungen hinterließ. Alkoholfreie Alternativen wie Sinalco und Bilz-Brause boten da einen Ausweg.
Dann kam Coca-Cola. Mit dem Einmarsch des US-Konzerns in Europa verschärfte sich die Konkurrenz, besonders als das Unternehmen Hitlerjugend-Mitgliedsausweise sponsorte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Sinalco "arisiert" – den jüdischen Anteilseignern entrissen – und nach 1945 "entnazifiziert". Coca-Cola, von Rohstoffknappheit geplagt, erfand aus Abfallprodukten wie Molke, Rübenschnitzeln und Apfelresten kurzerhand Fanta. Sinalco erholte sich davon nie ganz und hatte gegen Coca-Colas finanzielle Übermacht und geschicktes Marketing keine Chance.
Jahrzehnte später fand Sinalco unter dem Dach der RheinfelsQuellen Hövelmann GmbH & Co. KG zu neuem Leben. Heute bietet die Marke über zwanzig Sorten an und hat im Ausland eine treue Fangemeinde. Auch Bilz-Brause kehrt als Bilz-Seele BioLimo zurück – eine Bio-Limonade mit spielerischem Retro-Charme. Selbst das Staatstheater Detmold setzte Sinalcos bewegte Geschichte in dem Musical "Glück ist eine Orange" in Szene, das sich mit der NS-Vergangenheit des Unternehmens auseinandersetzt.
Heute stehen Bilz-Seele BioLimo und Sinalco Seite an Seite mit modernen Softdrinks in den Regalen. Ihr Revival spiegelt eine Nische wider, die nach Tradition und Markengeschichte dürstet – auch wenn ihre Vergangenheit untrennbar mit Deutschlands dunklen Jahrzehnten verbunden bleibt. Während Coca-Cola den Weltmarkt dominiert, sprudeln diese einst fast vergessenen Brausen wieder empor – ein Schluck Nostalgie nach dem anderen.