Milo Raus AfD-Prozess in Hamburg: Theater als politischer Zündstoff
Kirsten HentschelRegisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Milo Raus AfD-Prozess in Hamburg: Theater als politischer Zündstoff
Die diesjährigen Hamburger Lessing-Tage enden mit einem gewagten theatralischen Experiment: Der Schweizer Regisseur Milo Rau inszeniert Der Prozess gegen Deutschland – eine dreitägige, fiktive Gerichtsverhandlung über ein mögliches Verbot der rechtsextremen AfD. Statt Schauspieler führen hier Juristen und Rechtsexperten die Debatte in einem zwar erfundenen, doch politisch hochbrisanten Rahmen.
Das 2010 vom ehemaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux gegründete Festival verbindet seit Langem Politik und Performance. Die diesjährige Ausgabe, kuratiert von Matthias Lilienthal – der bald die Berliner Volksbühne leiten wird –, markiert Raus erste deutsche Umsetzung seines markanten "Prozess"-Formats. In früheren Arbeiten wie Das Kongo-Tribunal (2015) oder Die Moskauer Prozesse (2013) setzte er reale Ungerechtigkeiten durch inszenierte Gerichtsverhandlungen in Szene und löste damit weltweit Debatten aus.
Für Der Prozess gegen Deutschland übernimmt die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin den Vorsitz. Die Veranstaltung findet im Hamburger Thalia Theater statt, mit einer Live-Übertragung auf der Website des Hauses. Raus Ansatz, bekannt als postdramatisches Theater, ersetzt klassische Drehbücher durch ungeschönte, konfrontative Szenarien – diesmal mit dem Fokus auf die deutsche Politiklandschaft.
Das Stück knüpft an Raus Tradition an, Ethik und Macht durch Performance zu hinterfragen. Frühere Produktionen wie La Reprise (2017) oder Österreicher (2020) rekonstruierten Gewaltverbrechen und historische Fälle und zwangen das Publikum, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen. Diesmal rückt die Zukunft der AfD in den Mittelpunkt – als juristische und moralische Zerreißprobe.
Der fiktive Prozess erstreckt sich über drei Tage und verschmilzt Kunst mit Aktivismus. Rechtsexperten, keine Schauspieler, führen die Verhandlung in Echtzeit. Ihr Urteil – wenn auch symbolisch – wird die laufende gesellschaftliche Diskussion über Extremismus und Demokratie bereichern.
Juryentscheid löst Debatte über die Verfassungsmäßigkeit der AfD aus
Der fiktive Prozess endete mit einer geteilten Juryentscheidung am 15.2.2026. Wichtige Feststellungen sind:
- 5:2 Stimmen für die Überprüfung eines möglichen AfD-Verbots im Rahmen des Verfassungsrechts
- 4:3 Stimmen für den Ausschluss der AfD aus öffentlichen Förderungen
- Jury befand die AfD in Bezug auf die Menschenwürde für verfassungswidrig