Grüner Stahl: Salzgitter prescht vor – Thyssenkrupp kämpft mit Finanzsorgen
Mark BolnbachGrüner Stahl: Salzgitter prescht vor – Thyssenkrupp kämpft mit Finanzsorgen
Das Rennen um grüne Stahlproduktion in Deutschland nimmt an Fahrt auf – doch Salzgitter und Thyssenkrupp gehen völlig unterschiedliche Wege. Während Salzgitter mit seinem ehrgeizigen SALCOS-Projekt vorprescht, kämpft Thyssenkrupp mit Finanzierungsfragen und Umstrukturierungen. Anleger müssen nun abwägen, welches Unternehmen in Europas klimaneutraler Zukunft besser positioniert ist.
Salzgitter hat bereits mit der Umstellung seiner Produktion im Rahmen des SALCOS-Programms begonnen. Milliarden fließen in wasserstoffbasierte Direktreduktion (DRI) und Lichtbogenöfen (EAF) an großen Baustellen in Niedersachsen. Das Ziel ist klar: Bis 2030 sollen die CO₂-Emissionen um mindestens 75 Prozent sinken – einer der konkretesten Dekarbonisierungspläne der europäischen Stahlindustrie.
Das Unternehmen hat zudem seine Lieferketten gesichert, indem es das Duisburger Werk von HKM übernahm. Dieser Deal beseitigt Marktrisiken und stärkt Salzgitters Fokus auf Stahlproduktion und -verarbeitung. Unter CEO Gunnar Groebler bleibt die Aktie stabil und notiert nahe Rekordhochs.
Thyssenkrupp hingegen steht vor einem schwierigeren Weg. Die Stahlsparte strebt zwar Klimaneutralität bis 2045 an, mit einer CO₂-Reduktion um 90 Prozent bis 2040. Geplant sind wasserstoffbasierte Eisenherstellung und EAF-Technologie, dazu Partnerschaften wie eine Absichtserklärung mit Volkswagen für grünen Stahl. Doch im Gegensatz zu Salzgitter stockt die Umsetzung – gebremst von Finanzierungsproblemen und anhaltenden internen Restrukturierungen.
Der Konzern setzt insgesamt auf Zerschlagung: Von U-Booten bis zu Autoteilen werden nicht zum Kerngeschäft gehörende Bereiche abgestoßen. Die Wasserstofftochter Nucera gilt zwar als globaler Vorreiter in der Elektrolyse, doch die Stahlsparte belastet weiterhin die Gewinne. Analysten warnen vor einem möglichen Nettoverlust im hohen dreistelligen Millionenbereich – die Aktie bleibt unter Druck.
Für Anleger geht es nun um Risiko und Strategie: Salzgitter bietet eine direkte Wette auf grüne Stahlproduktion, mit solider Dividendenhistorie, aber auch Abhängigkeit von Branchenzyklen. Thyssenkrupp punktet mit Diversifikation und möglichen Kurschancen, falls die Aufspaltung gelingt – doch die Umsetzungsrisiken bleiben hoch.
Während Salzgitters SALCOS-Projekt bereits Form annimmt – mit laufenden Bauarbeiten und klaren Klimazielen –, wirken Thyssenkrupps Pläne trotz aller Ambitionen noch weniger greifbar. Wer am Ende die Nase vorn hat, hängt davon ab, welchem Ansatz Anleger mehr vertrauen: einem fokussierten grünen Wandel oder einem riskanten Restrukturierungsspiel.